Vom Vögelfangen im Salzkammergut

von Dr. Karl LOIDL, 1937


Aus den verschiedenen alten Bräuchen, die im schönen Salzkammergutflecken Ebensee, in “da Lamba”, heute noch lebendig sind, ja sogar in Blüte stehen, ragt das Vöglfangen besonders hervor, jene seltsame Leidenschaft, die, von vielen wohl kaum verstanden, auch heute noch nicht umzubringen ist.
Wenn im September die ersten leisen Nebel aus dem Seegrund steigen, wird der Vöglfanger narrisch, denn nun kommt wieder seine Zeit, auf die er sich das ganze Jahr freut. Kann er doch, nachdem er im Frühjahr, beim Aperwerden, alle Vögel bis auf drei ausglassen hat, seinen Stand wieder auffüllen. In den Wirtshäu-sern wird jetzt nur mehr von den Gimpeln, Schnabeln und Zeiserln gesprochen, von den selten schönen Er-lebnissen, die die Vogelhochzeit bietet, und von den “Mirakln” und “Rätsln”, die besonders der Kreuz-schnabel den Vogelfreunden aufgibt. “Is halt soviel schen”, sagen die Alten, “fruadling s´Herz höbts oan, wann ma dran denkt”. Ja, wer einmal vogelfangen gegangen ist, kann´s nimmer lassen. Im Herbst ist´s ja besonders schön.
Nun holt sich der Vogelfänger beim Forstamt den “Zettel”, der zum Fangen berechtigt und rund 5 S kostet. Freilich war es früher, wie die Alten sagen, auch in diesem Belange schöner, denn da kostete der Zettel nur 10 Kreuzer für das Gemeindeforstgebiet; auf dem Gemeindeamt bekam man ihn sogar um einen Kreuzer und konnte dann nach Belieben fangen. Auch war es früher schon deshalb leichter, weil nach dem Vogel-schutzgesetz von 1878 die samenfressenden Vögel vertilgt werden durften und man schon Anfang Septem-ber beginnen konnte. Heute sind die Vorschriften strenger, die Fangzeit ist mit 20. November befristet, wäh-rend die Zettelausgabe erst Mitte Oktober erfolgt, sodaß mitunter gerade die “schen Vogltag”, wie die ge-eichten betrübt feststellen, nutzlos verstreichen müssen. Da mag wohl sehnend sich mancher heiße Blick auf den farbenglutenden Laubwald des Langbathtales heben, über dem der blaue Herbsthimmel hängt. Jetzt sind auf den Zetteln sogar die Waldplätze angegeben, an denen die Vögel gefangen werden dürfen: z.B. im Gsoll (unterhalb des Feuerkogels) bis zur Brenten, auf der Sonnsteinschanz, in der Farnau im Rumitzgraben u.a. Manche Vogelfänger fahren sogar über den See zum Schönberg hinüber... ja, dem Passionierten ist kein Opfer zu groß, wenn er nur zu einem schönen Schnabel kommen kann, der sich durchaus nicht so leicht fangen läßt, wie man allgemein annehmen möchte. Man muß halt wie die Erdbeersammler die richtigen Plätz wissen, von denen manche schon von altersher bekannt und berühmt sind und den Eingeweihten als Heiligtum gelten, das von keinem Fremden gestört werden darf. So zogen denn, um nur einige der bekann-testen Alt-Ebenseer Vogelfängern zu nennen: Der Stocklernaz, der Schmarnjogl, der Heißjoglhans, genannt Wohlmuat, der Rurschensimmerl, der Seepterntoni u.a. und ziehen noch heute nach der schweren Tagesar-beit die Vogelfänger, deren bekannteste der Wallner Sepp, die “Klobm”, der Hecker Franzl, die Finkbuben u.a., die allsamt auf das Attribut “voglnarrisch” mächtig stolz sind, abends auf die “Jagd”. Es ist nun schon einmal im Gebirge drinnen, den einen locken die Berge, den anderen die “Gamserl”, den Vogelfänger aber die Schnablund das meist seltsame wunderschöne Erlebnis im Hochwald droben.
Denn nicht bloßer Spleen oder Leidenschaft ist dieser seltsame Hang, der diese Leute alle Mühen und Ge-witterunbilden, die mitunter sogar die Gesundheit schwer schädigen können, vergessen läßt und in den Hochwald hinauf treibt: es ist eine tiefe Natur- und Heimatliebe, die den alten Brauch des Vogelfangens wachhält. Wie wäre es sonst wohl zu erklären, daß der Wallner sepp, ein begeisterter Bergsteiger, schon 40 Jahre lang dieser seltsamen Leidenschaft frönt, die alljährlich vom September bis in den November hin dau-ert. Wallner schließt sogar erst am Stefanitag ab; da braucht er in der kalten Winterszeit oft sogar 7 bis 8 Stunden im Schnee in die Brenten hinauf, was wohl nicht nur bloßes Vergnügen bedeutet.
So nimmt also der Vogelfänger am Abend seine “Trag” oder “Kraxn” auf den Rücken, die mit einem guten Dutzend “Klöbeln” und mehreren “Häuseln” (mit einem “Locker” – Lockvogel) versehen ist. Sehr wichtig ist das Pfeifchen und der Schnaps, der die nachtdurchfrorenen Glieder alleweil “einrichten” muß; etwas Proviant, je nach dem Appetit des Einzelnen. (Der Sklona Karl braucht immer 14 Speckwürste!). Der Vo-gelsack und natürlich “d´Latern” vervollständigen die Ausrüstung des Vogelfängers. Der ganz Vorsichtige nimmt nimmt wohl auch noch einen besonderen “Schnablklöbl” mit einem knusprigen Tannenzapfen oder Wohlmut oder Vogelbeeren versehen, mit. Auf dem “Platz” oben angekommen, hängt der Vogelfänger die “Kasteln” mit dem Locker und drüben alle zwei bis drei Meter auf den Ästen die Kloben auf. “Dann wird aweng gfoiert” (kleines Lagerfeuer), um die grimmige Frühmorgenkälte zu bannen, und in großer Spannung “glost”, ob sich nicht ein Stimmlein in der Frühe meldet. Gerade diese gespannte Aufmerksamkeit, mit der nun der Vogelfänger jedes kleinste Geräusch verfolgt und mit der er alle Richtungen suchend abspäht, bringt ihm so recht die Wunder der Landschaft, den Reiz der Morgenstimmung im Gebirge und die Schönheit sei-ner engeren Heimat zum Bewußtsein. Mit dicker Nebelwolle sind die Täler und das Seebecken ausgefüllt, während die kantigen Berggipfel ringsum ihr kühles Haupt in die sonnenblühende Morgenhelle heben. Das ist wohl einer der schönsten Erlebnisse, von dem jeder schwärmt und das alle Mühen reichlich lohnt. Doch da rührt sich´s in den Zweigen – das Abenteuer beginnt. Da ist alles andere vergessen. Eine “Paß” (oder Flug) kommt angeflogen; wunderbar singt ein “Alloangeher” (auch unter den Vögeln gibt´s Abseitige und wahrscheinlich sogar ein betontes Klassenbewußtsein!) auf dem Wipfel oben sein Morgenlied. Ein ganz Schöner! Der muß wie eine spröde schöne Frau “angelistet” werden. Schon wird der “Locker” im “Kastl” unruhug. Ein Schwirren durch die taunassen Äste .... Da zittert der Vogelfänger wie ein Jungverliebter und stammelt sein Gebet: “Himmelvader, fang dö”, da pascht´s schon beim Klobn, hängt ein prachtvoller Kreuz-schnabel drauf (ausschlaggebend ist die Farbe!), der gleich ins Vogelsackl hineinkommt. Ein froher Juchzer gellt in die Morgenstille.
In der Früh ist ja das “Zuastehn” am besten, aber nicht immer ist das Glück gleich hold. Heut wird der Vo-gelfanger gleich zufrieden sein und “Aramer” (abräumen), weil dieser eine Glücksfang viel mittleres Vogel-zeug aufwiegt und Qualität, nicht Menge ist sein Ziel. Ein andermal gibt es nur Enttäuschungen. Wohl flie-gen ganze “Schwall” (gegen hundert) herbei, aber der “Schene” bleibt aus. Und ein “Fetzen” (unschöner Vogel, der freilich meist schöner singt, als die schönen, die oft nur “Stummerl” sind), hängt im Kloben. “Fetzen” fängt man leicht, oft dreißig an einem Tag, die werden gleich wieder ausgelassen, fallen aber ein zweites oder dritttes Mal wieder hinein. Der “Gern” ist eben das wichtigste für den Vogelfänger, der läßt ihn den gar oft gesundheitsschädlichen “Schwitz” beim Kraxentragen vergessen. Sonst heißt es eben, zumindest bis gegen 9 Uhr warten, denn da sind die Passen wie verflogen. Im Oktober fliegen die Vögel meist bis Mit-tag, halten auffällig Mittagspause bis gegen 14 Uhr, dann kommen sie gern zu einer “Sulz” (Lacke), um sich auf niedliche Art zu putzen und abzustauben; besonders die Gimpeln, diese kleinen Wasserfreunde, baden recht gern.
Mitte November paaren sich die Schnäbel, wie es so schön heißt, und werden “stechend”, da hören die Schwall auf, da wird, wenn der Tag umdreht, “paarweise geflogen”.
Aber auch zu Hause haben die Vögel ihre Mucken und geben dem Vogelfänger genog Probleme zu lösen, die nur durch wirkliche Liebe und große Erfahrung des einzelnen richtig erledigt werden können. Vom Wald kommt der gefiederte Sänger in “d´Stubn” und bildet dort das Um und Auf über den ganzen Winter, erfreut sich dort einer Pflege, die von rührender Liebe zu den kleinen Tieren zeugt. Wie sorgsam muß doch und individuell z.B. die Fütterung vorgenommen werden, auf die jeder echte Vogelfänger besonders schaut: Hanf, zwei bis drei Fichtenzäpfen, drei bis vier Latschenzäpfen sind tägliches Gebot, wie es einer alten Regel entspricht. Der Vogel wird meist in der Küche oder vorm Fenster placiert. Falls Platz vorhanden, kommt in den Fensterstock sogar eine kleine Fichte hinein, damit der kleine Sänger noch eine Erinnerung an den Wald hat. Besonders der Gimpel, der sich sehr gern badet, braucht viel Wasser. Aber gerade ihn bringt man am schwersten durch, weil er ein betonter Starrkopf ist. Am Anfang darf nicht viel gefüttert werden, weil die Vögel sonst ein “Hanifgnack” (Hanfgenick) bekommen. Die Anfänger unter den Vogelfängern verstehen das oft nicht und lassen vor lauter Freude gerade in den ersten Tagen das “Nirscherl” immer voll. Der Vogel überfrißt sich, bekommt einen “Buckel”, wird binkelig und fällt, nachdem er sich an vorgegebene Ration gewöhnt hat, um. Die Schnäbler hingegen baden zu Hause nicht, bringen es aber in der Gefangenschaft mit-unter sogar auf 18 - 20 Jahre, während sie im Freien nur drei Jahre leben. Damit ist also klar widerlegt, daß der Vogel im Käfig früher abstirbt.
Um Kathrein findet dann ortsweise im Vogelfängerheim (z.B. in der “Stockerau”, beim “Alpensteig” in der Kohlstatt oder in der Rindbacher “Schöfau”) die große Vogelausstellung statt, deren eigentlicher Zweck eine Schönheitskonkurrenz der gefiederten Sänger ist. Wer da von den Vogelfängern nicht mittut, gilt als “Wilder”. Da gibt es zuerst viel vorzubereiten. Ähnlich wie dem Ebenseer Kripperlvater oder dem Glöckler ist auch dem Vogelfänger bei der Aufstellung größte Sorgfalt und Reinlichkeit oberstes Gesetz. Da wird alles mit “narrischer Freid” auf “Glanz” hergestellt, besonders viel Zeit auf´s “Häuslputzen” verwendet; alte Häusl werden frisch gestrichen und bekommen einen weißen “Saum”, in den Bauer hinein kommt frisches Laub, damit der Vogel den Kot abstreift, denn bis zur Beurteilung darf er auf keinen Fall “g´stroaft” werden. Entscheidend für einen Preis ist neben der Farbe die Reinheit des Gefieders. So gelten z.B. bei den Kreuz-schnäbeln, jenen legendenumwogenen Vögeln, die angeblich jeden Blitz und das lästige Rheuma bannen, die roten und gelben (besonders aber die lichtroten), die im Gefieder nicht pechig oder “malfedrig” (d.h. rot mit grauen oder gelben Federn vermischt) sind, als preiswert. Dem aus drei unparteiischen Vogelkennern gebildeten Ausschuß entgeht nicht leicht etwas; schon beim “Zuatragn” der Vögel, die auf eine eigens auf-gestellte Wand “gehängt” werden, mustert der kritische Blick der Vogelrichter und entdeckt gar schnell den Schönheitsfehler. Mancher Vogelfreund bringt einen wahren Vogel-Caruso mit schönem “Balg”, ist aber selbst ein Pechvogel, da er als Anfänger übersehen hat, daß sein Liebling “rauhhaxert” (d.h. die Glieder sind nicht glatt) und damit minderwertig ist. Zur Ausstellung dürfen von den Mitgliedern zwei rote, zwei gelbe Kreuzschnäbel, ein Stieglitz und ein Zeiserl gebracht werden, sodaß unter besonders günstigen Umständen ein Vogelfänger sechs Preise davontragen kann, die meist in praktischen Sachen die Vogelpflege betreffen.

Die Ausstelllung beschließt ein Gemeinschaftsfest, das natürlich feierlich und naß begangen wird. Da hört man auch Erlebnisse, die an das Jägerlatein gemahnen, im großen und ganzen aber sich harmloser gestalten. Über den “Festsitzern” hängt als eine Art Innungszeichen der mitunter recht kunstvolle “Vogelfänger-schild”, den ein begabtes Mitglied im Sommer verfertigt hat. In dieser Glaskiste findet sich eine Art Krip-perl mit Darstellungen aus dem Vogelfängerleben. Von der Ausstellung weg kommt dann der Vogel in die Stube des Vogelfängers, oder wird ausgetauscht, manchmal sogar “verscheppert”. Im Herbst wird mancher dann sogar wieder ausgeliehen zum Anlocken. Mancher Vogelfänger ist so verliebt, daß er sich sogar zum Namenstag einen Schnäbler wünscht. Und der denkt nicht ans Verkaufen, der gäbe seinen Liebling nur sehr schwer her und der schildert mit Grausen, wie früher von Linz oder Wien her die Vogelfänger ins Salzkam-mergut kamen, mit einer Zither und einem Kasten, in dem diese Barbaren die Vöglein eingeschlossen hatten.

So lebte der alte Vogelfängerbrauch in unverminderter Frische fort, denn auch die Jungen haben gottlob den Zusammenhang mit der Natur noch nicht verloren. Treffend konnte daher ein Reisender unter anderem über Ebensee feststellen, daß man dort besonders viele Kinder, “Hülzschuah” und “Vogelhäusln” zu sehen be-kommt, worüber sich kein Tierfreund aufregen wird, denn an Liebe zu den Vögeln ist der Ebenseer nicht zu übertreffen.

 

 

Salzkammergutverband der Vogelfreunde

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